Tanzkurs Backnang

Aus dem Magazin „Menschen“ 2/2012:

Eins, zwei, Wechselschritt

Das Projekt „Abenteuer Inklusion“ soll Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Behinderung überwinden. ln einem Tanzkurs sagen 19 Jugendliche den Grenzen im Kopf den Kampf an sowie den Tücken von Jive und Cha-Cha-Cha.

Wenn ein Haufen aufgedrehter junger Menschen im Gänsemarsch „Wechselschritt“ übt, kann es eigentlich nur im Durcheinander enden. Der 17-jährige Moritz hängt im Arm seiner Tanzpartnerin Lea und lacht sich schlapp, die Füße verdreht- ein einziges Chaos. Franziska hat ihre Wechselschrittversuche mittlerweile aufgegeben und legt stattdessen einen temperamentvollen Twist aufs Parkett. Tim wirft sich nach BreakdanceManier für ein paar Liegestützen auf den Boden. Mittendrin steht die Tanzlehrerin. Heidrun Rebsch ist 56 Jahre alt, eine elegante große Frau, ganz in Schwarz gekleidet mit exaktem Kurzhaarschnitt. Sie dirigiert die wilde Meute. „Alle nochmal im Kreis aufstellen!“, ruft sie – schon stehen die Jugendlichen wieder in Position. Nur Steffen, 16, und die 14-jährige Samara schwofen noch kurz eine Runde im langsamen Walzer über die Tanzfläche. Vor-seit-ran, rück-seit-ran, Steffen immer ein bisschen langsamer als Samara, den Blick auf seine Füße geheftet.
Es ist Dienstagabend in der Tanzschule Rebsch, ein paar Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Rechts eine wuchtige Bar aus hellem Holz, links Tische, an den Wänden großflächige Retromuster in Braun, Orange und Hellblau. Neunzehn Jugendliche treffen sich hier jede Woche zum Tanzkurs. Neun von ihnen haben das Down-Syndrom. Sie alle nehmen Teil am „Abenteuer Inklusion“, einem Projekt des Kreisjugendrings Rems-Murr e.V..

Da gibt es Morrls, einen smarten 14-Jährigen im blauen Hemd mit blankgeputzten Tanzschuhen. Er, der ambitionierteste Tänzer der Gruppe, kommt dreimal die Woche her. Besonders gern zum Dienstagskurs, weil hier viel mehr erklärt wird als in anderen Kursen und weil er dadurch viel mehr lernt. Hinter Morris tanzt Sofia, eine junge Frau mit wuscheligen dunklen Locken, die sich hingebungsvoll von Mädchenschwarm Felix führen lässt. Sofia hat das Down-Syndrom. Auf die Frage, was ihr am Tanzkursam besten gefällt, sagt sie: „Alles ist toll hier.“ Und es gibt Jonas, einen coolen Typen mit blauer Wollmütze und braunen Haaren, die ihm bis über die Augenbrauen hängen. Jonas konnte sich anfangs überhaupt nicht vorstellen, mit Jugendlichen tanzen zu lernen, die das Down-Syndrom haben. Bis ihm seine Mutter versprach, ihn dann immer mit dem Auto zum Fußballtraining zu fahren. Das zog. Und weil es ihm so gut gefällt, macht er nun fre iwillig den zweiten Tanzkurs mit, den Fortgeschrittenen-Kurs. Mittlerweile beherrschen er und seine 18 Tanzpartnerinnen und -partner langsamen Walzer, Foxtrott, Rumba, ChaChaCha, Discofox, Jive, Sirtaki, Twist und sogar einige grundlegende Tangoschritte.

Anfangs haben sie nur eben so viel Körperkontakt zugelassen, wie nötig war.

„Es ist erstaunlich, was unsere Kinder schon alles können“, sagt Erika Heinisch mit Blick auf ihren Sohn Steffen, der soeben die Partnerin gewechselt hat und jetzt mit Nadine über die Tanzfläche schwebt. Zusammen mit Angela Wildermuth, der Mutter von Samara, sitzt Erika Heinisch neben der Tanzfläche an einem Tisch, auf dem eine Menge Papier liegt. Die beiden schmieden Pläne für neue Projekte. Mittlerweile sind auch die Mütter ein eingespieltes Team: Sie haben Ideen, die der Kreisjugendring nach und nach umsetzt. Integratives Schwimmen, in naher Zukunft vielleicht ein
Musikprojekt und aktuell der Tanzkurs. Inzwischen haben die 19 Jugendlichen schon 14
Tanzstunden absolviert. Am Anfang hatten sie sich noch schüchtern an den Händen gehalten und nur gerade so viel Körperkontakt zugelassen, wie für die Bewegung nötig war. Mittlerweile drücken und herzen sie sich gegenseitig, streicheln sich über die Wangen und durchs Haar. Aus dem zurückhaltenden Versuch, Menschen mit und ohne Behinderung miteinander tanzen zu lassen, ist eine Veranstaltung mit viel Gefühl geworden. Die Tänzer haben sich aufeinander eingestellt. Und
so gleiten sie jeden Dienstag durch den Abend.
„Fasching“, notiert Angela Wildermuth auf einen der vielen Zettel. Das soll das Motto für den nächsten Abschlussball sein. Der letzte sei ein echtes Highlight gewesen, schwärmt sie. Samara im kleinen Schwarzen, Lea in hellblauer Abendrobe, Tim und Moritz in blütenweißen Hemden und schwarzen Westen. Anfangs schwebten die Paare hoch konzentriert und voller Respekt vor diesem Event über das Parkett. Nach ein paar Runden Discofox und einem Sitzboogie schlug Tim dann übermütig ein Rad durch die Menge der Tanzpaare.

Zum Gruppenfoto standen sie später in Reih und Glied am Rand der Tanzfläche, jeweils mit einer Tanzkurs-Urkunde in der einen Hand, einer orangefarbeneo Rose in der anderen und einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht. „Wir Eltern waren wahnsinnig stolz. Und unsere Kinder erst!“, sagt Erika Heinisch. „Es war ein Traum.“
Zu verdanken haben sie diesen gelungenen Abend nicht zuletzt Elke Tigli und Sirnon Maier, den Projektleitern „Abenteuer Inklusion“ im Kreisjugendring. „Ohne sie“, sagt Erika Heinisch, „wäre der Tanzkurs nicht zustande gekommen. Wir hatten den Wunsch, sie haben es geschafft, ihn umzusetzen.“ An diesem Dienstagabend sitzen die beiden am Rand der Tanzfläche, Elke Tigli auf ihrer Gehhilfe, Sirnon Maier in seinem Elektrorollstuhl. Beide haben Infantile Zerebralparese, eine Krankheit, bei der das Gehirn während der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommt. Elke Tigli kann deshalb nicht richtig gehen, Sirnon Maier überhaupt nicht. Er trägt eine dicke Brille, sein linker Arm ist in seiner Motorik eingeschränkt. Das Schreiben fällt ihm schwer. Trotzdem hat er kürzlich ein Buch veröffentlicht. Der Titel, „Rollmops“, ist eine Anspielung auf ein paar Kilo zu viel auf Sirnon Maiers Hüften, der Inhalt gespickt mit Anekdoten aus dem Leben eines Rollifahrers. „lch hätte nie gedacht, dass einer wie ich mal ein Buch schreibt.“ Hat er aber. Er sprach es auf Band und ließ es abtippen. Seitdem ist er Experte fürs Träumeverwirklichen. Jeden Tag sitzt er in seinem Büro des Kreisjugendrings und betreut Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die gerne viel mehr unternehmen würden. Oft schaffen sie es aber nicht alleine. Entweder, weil die eigene Kraft nicht reicht, oder weil es kaum Freizeitaktivitäten gibt, an denen Menschen mit Behinderung teilnehmen können.

„Manchmal wundern wir uns, wie unspektakulär die Träume sind, von denen uns Eltern und Jugendliche erzählen“, sagt Elke Tigli: Ein Eis essen gehen. Mal nicht mit dem Bet reuer Kaffee trinken gehen, sondern mit jemand anderem. Oder eben mit nichtbehinderten Menschen Tanzen lernen. Alltägliches eigentlich, gepaart mit dem Wunsch, dazuzugehören. Und doch so schwer umzusetzen. Obwohl der Begriff „Inklusion“ mittlerweile in aller Munde ist, sind Schulklassen, in denen Kinder mit Behinderung und solche ohne gemeinsam lernen, immer noch etwas Besonderes. Oft lösen Menschen mit Behinderung bei anderen noch Berührungsängste aus. Zu groß sind die Vorurteile. Maier und Tigli wollen das ändern. Sie wollen Grenzen durchbrechen, Mauern in den Köpfen einreißen und Menschen mit Behinderung und deren Bedürfnisse in Gesellschaft verwurzeln. „Wir wollen Inklusion“, sagt Sirnon Maier.

Wir wollen, dass die Gesellschaft aufmerksamer wird.
Elke Tigli

Also organisieren Elke Tigli und Sirnon Maier Selbstbehauptungskurse für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen sowie Freizeitaktivitäten für Jugendliche mit und ohne Behinderung. Sie haben eine inklusive Theatergruppe auf die Beine gestellt, richten Vorträge in Gebärdensprache aus und bitten zum „Essen im Dunkeln“, um Sehende fühlen zu lassen, wie das ist, wenn das Auge nicht mitisst. Außerdem bereiten sie „Begleitkreise“ mit Kindern, Eltern und Experten vor und vermitteln private Coachings für Bewerbungsgespräche.

Sirnon Maier und Elke Tigli spinnen Netzwerke, um Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen. „Eine Lebensaufgabe“, sagt Sirnon Maier. Kurz vor halb sieben ist in der Tanzschule Rebsch Pause. Samara, die eben noch mit Steffen Walzer tanzte, kuschelt sich an die blond gelockte Tamara. „Ich find’s klasse hier“, sagt sie. „Vor allem den Foxtrott.“ Dann erzählt sie vom integrativen Theater, in dem sie mitspielt, von den Stücken „Ronja Räubertochter“, „Tanz der Vampire“ und „Momo“. Ihre Augen leuchten. Der 14-jährige Morris, der dreimal die Woche einen Tanzkurs besucht, streicht ihr über den Kopf. Seine Tanzpartner am Dienstagabend seien so schön ehrlich, sagt er. „Wenn ihnen was nicht passt, sagen sie das. Wenn sie sich freuen, dann richtig. Und wenn sie dir sagen, ,Ich mag dich‘, kannst du sicher sein, dass es stimmt. Da gibt es kein Lästern hinter deinem Rücken. Davon können sich andere mal ’ne Scheibe abschneiden.“
Minuten später zeigt Jessica, was so viel Ehrlichkeit bedeuten kann. Sie sitzt am Rand der Tanzfläche und schmollt. Sie ist 18 Jahre alt, blond, eine junge Frau mit Down-Syndrom in Jeans mit hellblauem Blümchenoberteil. Eine Jugendliche, die genau weiß, was sie will und was nicht. Im Moment will sie unter keinen Umständen mit Lars tanzen. Sie schlingt die Arme zu einem festen Knoten vor der Brust. „Ich tanz nur mit Moritz“, sagt sie und knotet die Arme noch ein bisschen fester. „Sonst tanz ich überhaupt nicht mehr mit.“ Moritz in blauem Kapuzenpulli, ein junger Mann ebenfalls mit Down-Syndrom, beugt sich zu ihr herunter und drückt sie einmal ganz fest. Er streicht ihr liebevoll über die Wange, nimmt ihre Hand und führt sie auf die Tanzfläche.

Simon Maler und Elke Tigli sitzen immer noch am Parkettrand. Es ist kurz nach sieben, in zehn Minuten ist Schluss. Lächelnd schaut Sirnon Maierauf die Tanzenden. „Es ist faszinierend, wie harmonisch sie alle miteinander umgehen“, sagt er gerührt. Aus den Lautsprechern dringt, passend zur Tapete, Musik aus den 70er Jahren. Leo Sayer singt: „When I need you“. Jessica und Moritz knutschen.