Dunkelrestaurant

Hier könnt ihr den Bericht über unser Dunkelrestaurant lesen. Oder besser gesagt: eine Erlebnisgeschichte 🙂

Ort: Jugendhaus Fellbach
Wann: 05.05.2010

Ein Dunkelrestaurant in einem Jugendhaus, in der offenen Jugendarbeit ist ein aufregendes Unterfangen.
Das Jugendhaus Fellbach ist nicht barrierefrei für Menschen mit Gehbehinderung äußerst schwierig und nur mit tatkräftiger Hilfe zu bewältigen. Für Menschen mit Sehbehinderung und Blinde allerdings finden sich genügend Barrieren um sich zu orientieren.
Nein, dies ist keine Ironie, dies ist eine Aussage von Betroffenen.
Wir starteten das Unternehmen Blindenrestaurant, diskutierten mit den Damen und Herren von der „Aussicht“ alle Möglichkeiten innerhalb des Hauses und beschlossen dann die Kneipe Blue U zum Blindenrestaurant umzufunktionieren.

Wir bauten das Blue U um. Unmengen schwarzer Molton, eine Schleuse zur Küche und die Markierung, der drei im Raum stehenden Säulen, waren notwendig.
Das Personal, das die Bedienung der Gäste übernahm war stark sehbehindert, blind.
Wir beobachteten diese Menschen bei ihrem Training, das Kennenlernen des Raumes, die Sicherheit zwischen den Tischen, den Weg zur Toilette, den Weg zur Eingangsschleuse. Wir sahen die großartige Leistung, die diese Menschen vollbrachten und mit welcher Sicherheit sie sich nach geraumer Zeit im Raum bewegten.

Der Abend sollte mit einer kurzen Begrüßung der 60 Teilnehmer des Mahls beginnen und dann wurden Tischgruppen eingeteilt, die an der Schleuse zur Kneipe von der jeweiligen Tischdame oder Tischherren zu ihrem Tisch geführt wurde.
Im Jugendhaus selbst gab es Infotische, Übungs- PC s, Blindenstöcke, Brillen mit unterschiedlichen Linsen die Sehbehinderungen simulieren.
So begann ein Abend der Information zur Sehbehinderung gepaart mit einem Abendessen, das allerdings in dem komplett abgedunkelten Raum in Abhängigkeit vom blinden Personal, eingenommen werden musste.
Der Lärmpegel in der „Kneipe“ war relativ hoch. Das Nichtsehen des Tischnachbarn ließ die Stimme lauter werden, man wollte sich zumindest gut hören.

Neben dem sehr guten Essens, das von den Gästen mit großer Spannung erwartet und mit sicherlich einigem Zögern, was esse ich gerade, zu sich genommen wurde, gab es auch Unterhaltung.
Für den Geschichtenerzähler und für die Sängerin war dies ein seht eindrückliches Erlebnis. Ein für sie bekannter Raum war nun dunkel. Totale Finsternis. Nur Stimmen und keine Orientierung. Der blinde Partner führte die zwei in den Raum. Säulen. Ah da war die Säule mit den Kronkorken, da die Säule mit der Wäscheklammern, da die Säule mit den Bändern. Endlich eine kleine Orientierung aber keine Blickkontakt, keine Reaktion nur Dunkelheit .
Die Sängerin hatte Gleichgewichtsprobleme, der Geschichtenerzähler vermisste die aufmerksamen Blicke der Zuhörer.

Alles ging gut. Applaus belohnte die kleine Darbietung.
Nach dem Dessert und einer kleinen Ansprache der Veranstalter ging es raus aus der Dunkelheit in den hellerleuchteten Treff des Jugendhauses.
Nach langen Gesprächen mit Blinden und sehbehinderten Menschen, nach dem Probieren der Brillen, der Stöcke, nach einer Diskussion über Kooperation und weiteren Austausch endete der Abend mit Aufräumen und einem kleinen Spaziergang zur U 1 Haltestelle.
Auf dem Weg dorthin demonstrierten die sehbehinderten und blinden Menschen nochmal ihre Kompetenz sich völlig sicher in der Öffentlichkeit zu bewegen. Es war mehr als eindrucksvoll.

Für die teilnehmenden Jugendlichen war dieser Abend großartig und alle waren nicht nur fasziniert sondern auch nachdenklich, berührt.
Und als vor einem Jahr (2013) der blinde Marathonläufer und Goldmedaillen Gewinner der Paralympics in London im Jugendhaus zu Gast war, waren rund 70 Jugendliche dabei, stellten gute, durchdachte Fragen und absolvierten mit dem Gast einen, in der Bewegungshalle aufgebauten Blindenparcour, spielten Blindenfußball mit ihm. Der Gast fühlte sich sehr wohl im Kreis der interessierten und auch aktiven Zuhörer.

Das Jugendhaus Fellbach ist inklusiv und Inklusion ist so selbstverständlich, dass darüber nicht mehr diskutiert werden muss.